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Halleluja (Weihnachtssatire)

  Als ich an jenen Tag aufwachte, wußte ich sofort, daß es ein besonderer, sogar ein außergewöhnlicher Tag werden würde. Natürlich hatte ich nicht geahnt, wie sich dieses Besondere äußern würde, und hätte ich es gewußt, wäre ich sicher nicht aufgestanden.
  Es fing alles an einem wunderschönen Morgen an.
  Ich träumte gerade von einem besonders hübschen Mädchen, als die schrille Stimme meiner Mutter in meine Träume drang.
  "Gottfried!"
Schlagartig wurde ich wach. "Scheiße!" murmelte ich und wälzte mich auf die andere Seite. Hatte ein Vierzehnjähriger nicht mal das Recht, morgens auszuschlafen? "Nur noch fünf Minuten", murmelte ich schlaftrunken und schloß meine bleischweren Lider wieder.
  Für genau 21 Hundertstel Sekunden. Dann nämlich erbebte unser Haus in den Grundfesten, als meine Mutter die Tür aufstieß und diese gegen die Wand knallte. Das Geräusch des Blumentopfs, der durch die Erschütterung zu Boden fiel und sogleich seinen Inhalt auf dem Teppich verbreitete, ging in dem Gepolter fast unter.
  Stöhnend drehte ich mich herum und sah meine Mutter mit einem rosa Bademantel bekleidet im Türrahmen stehen. Ihre Füße steckten in rosa Latschen, gelangweilt lutschte sie an einer Zigarettenkippe. In ihrem Haar steckten seltsame Schrauben, die sie "Lockenwickler" nannte.
  "Was willssu?" nuschelte ich.
  "Aufstehen!" schnauzte sie. "Weihnachten. Fest der Freude."
  "Halleluja", sagte ich.
  "Häh?"
  "Vergisses!" antwortete ich und ließ mich wieder in die Kissen zurückfallen.
  "Ich muß gleich noch mal weg", sagte sie und versuchte, durch das Chaos, das sich auf meinem Fußboden befand, auf mein Bett zuzukommen. Ein sinnloses Unterfangen. Ich zählte die Anzahl der Legosteine, auf die sie aus Versehen trat. Bei dreiundzwanzig gab sie auf und kehrte fluchend um. "Du solltest auch mal wieder aufräumen!" meinte sie.
  "Hm", machte ich. Das letzte Mal, daß ich das getan hatte, war vor vier Jahren gewesen. Ich wußte auch nicht, welcher Teufel mich damals geritten hatte.
  Das letzte Stück legte meine Mutter mit einem gewagten Sprung zurück. Ich sah die Katastrophe kommen, noch ehe sie mit einem Fuß in meinem selbstgebastelten Holzschiff landete und es unter ihren Füßen zermalmte.
  "Volltreffer", sagte ich.
  Ärgerlich drehte sich meine Mutter um und funkelte mich an. "Ich muß gleich noch mal weg", sagte sie. Als sie keine Antwort erhielt, drehte sie sich um und ging aus meinem Zimmer. Als sie die Tür hinter sich zuwarf, ein zweiter Blumentopf vom Regal und zersprang am Boden. Mich kümmerte es aber nicht weiter, die Schweinerei fiel in dem übrigen Chaos nicht besonders auf.
  Stöhnend wuchtete ich meine sechsundsiebzig Kilogramm Lebensgewicht hoch und brachte mich in eine sitzende Lage. Kaum, daß ich einen Fuß auf den Boden gesetzt hatte, hörte ich ein leises Knirschen und spürte plötzlich Krümel zwischen meinen Zehen. Jetzt fiel es mir wieder ein: Vergangenen Abend hatte ich noch einen kleinen Snack zu mir genommen und das Übriggebliebene auf den Boden gelegt. Aber soweit ich mich erinnerte, war da auch noch ein halbvoller Becher Cola... Die Frage erübrigte sich, als ich den anderen Fuß auf den Boden setzte und mein großer Zeh durch eine ungeschickte Bewegung das Gefäß umstieß. Fasziniert betrachtete ich die braune Flüssigkeit, die sich prickelnd auf dem Teppich verteilte. Ich beschloß, es später sauberzumachen und torkelte unsicher auf das Fenster zu. Den unangenehmen Schmerz, den spitze Legoteile verursachten, wenn sie sich ins bloße Fleisch hineinbohrten, ignorierte ich. Mit einem Handgriff öffnete ich die Gardine und mußte gleich darauf die Augen schließen, weil mich die Sonnenstrahlen blendeten. Gerade wollte ich mich umdrehen und dies als unwichtig abtun, als mir erst klar wurde was das bedeutete. War nicht Weihnachten? Ich warf noch einen kurzen Blick aus dem Fenster, um mich von der Richtigkeit meiner Information zu überzeugen. Und wirklich: Die Sonne stand hoch am Himmel und strahlte, als wäre es der letzte Tag.
  "Wirklich passendes Wetter für Heiligabend", sagte ich zu mir selbst und ging ins Bad. Es gab kein heißes Wasser mehr, also zog ich mich ungewaschen an. Auf dem Rückweg in mein Zimmer fielen mir meine grinsenden Affen-Hausschuhe auf.
  "Grinst nicht so blöd!" fuhr ich sie an, aber sie reagierten nicht.
  "Ich sagte, ihr sollt mit diesem scheißverdammten Grinsen aufhören!" schrie ich, jedoch ohne Erfolg. Ich brauchte jemanden, an dem ich meine Aggressionen auslassen konnte, und da kamen mir diese beiden gerade recht. Wütend kickte ich den einen Schuh die Treppe herunter und schleuderte den zweiten mit einem gezielten Fußtritt gegen die Kommode, wobei ich allerdings einige Papiere und Zeitschriften mitriß. Außerdem war der Widerstand, den der Schuh leisten würde, wohl falsch kalkuliert - jedenfalls fiel ich von meinem eigenen Schwung angetrieben hinten über und knallte mit dem Kopf gegen den Boden. Als ich mich stöhnend und meinen Hinterkopf reibend aufsetzte, fiel mein Blick auf den einen Affenschuh, der mich unverschämt angrinste. Ich widerstand der Versuchung, ihn kurzerhand aus dem Fenster zu schleudern und humpelte in mein Zimmer. Dort angelangt schmiß ich alles, was nach Schule aussah in meinen Rucksack und lief nach unten.
  Der Küchentisch war nicht gedeckt, aber neben dem Herd brodelte die Kaffeemaschine. Ich machte mir einen schnellen Imbiß von einem Schokoriegel und einem Glas Limo, dann warf ich einen Blick auf die Küchenuhr und stellte fest, daß ich schon wieder zu später kommen würde.
  "Was soll’s!" meinte ich und lief aus dem Haus. Auf dem Flur traf ich meine Mutter, die gerade aus dem Bad kam und einen ziemlich verstörten Eindruck machte, als sie mich sah.
  "Gottfried! Was zum-"
  Weiter kam sie nicht, denn ich hatte schon die Haustür aufgerissen und stürmte auf die Straße. Sofort schlug mir brodelnde Hitze entgegen. Naja, vielleicht nicht so extrem, aber es mußten annähernd 20° sein. "Frohes Fest", sagte ich sarkastisch zum mir selbst und schüttelte den Kopf. Was konnte das für ein Fest werden!
  Der Weg bis zur Schule war nicht weit. Aber irgend etwas war seltsam. Es fiel mir schon von weitem auf. Die Gebäude waren unbeleuchtet und ich hörte keine Geräusche. Kein lautes Rufen und Kreischen der Kleineren, nicht die gewohnten Töne der Tischtennisbälle. Als ich die Schule erreicht hatte, bewahrheiteten sich meine Befürchtungen: Der Schulhof war leer.
  "Leer?" fragte ich mich fassungslos. Aber das konnte doch nicht sein.
  Aber es war so. So oft ich mir auch die Augen rieb und mich in den Arm kniff, der Schulhof blieb leer.
   Plötzlich erblickte ich das Schild am Eingangstor, das mit einem dicken Vorhängeschloß gesichert war. "Wegen Weihnachtsferien vorübergehend geschlossen", stand da. Und kleiner darunter: "Wir wünschen allen Schülern erholsame Ferien. Die Schulleitung."
  Ich konnte es im ersten Moment gar nicht fassen. Okay, ich hatte die letzte Woche blaugemacht, aber daß ich die Weihnachtsferien vergessen konnte! Ich, der keine Gelegenheit ausließ, die Schule zu schwänzen!
  "Mist!" rief ich laut. "Verdammte Sch..."
  Im letzten Moment konnte ich mich beherrschen. Langsam beruhigte ich mich wieder. Ich wußte nicht, wie lange ich dagestanden und das Schild angestarrt hatte, aber schließlich wandte ich mich um und setzte zum Rückzug an.
  Zu Hause angelangt, stieß ich die Tür auf und zog mich in mein Zimmer zurück. Da merkte ich, wie sich ein sonderbares Gefühl in meinem Magen ausbreitete. Sekunden später konnte ich identifizieren. Es war im allgemeinen als "Hunger" bekannt. Zum Glück hatte ich ja noch einen Vorrat höchst nahrhafter Schokolade. Ich trat an das Bücherregal und kramte unter meinen Comicheften. Dort lagen, gut versteckt, fünfzehn Tafeln unterschiedlicher Sorten: Alpenmilch, Nougat, Nuß und vielem mehr. Ich griff mir eine, biß ein Stück ab und steckte mir eine weitere Tafel in die Tasche. Dann legte ich wieder die Comichefte über den Rest, um sie vor neugierigen Blicken zu schützen. Meine Mutter sah es nicht gerne, wenn ich mit Kalorien vollstopfte.
  Ich war für einen Augenblick lang unaufmerksam und achtete nicht auf den Boden. Das wurde mir sofort zum Verhängnis.
  Die Blumenerde, die sich mittlerweile mit der ausgelaufenen Cola vermischt hatte, hatte eine braune Pampe gebildet. Und ich Trottel trat natürlich prompt hinein. Ich hörte noch eine leises "Flutsch", da befand ich mich auch schon mit wild rudernden Armen in der Luft.
  Ich hasse die Schwerkraft.
  Im Fallen riß ich noch einige Blätter vom Tisch, bevor ich mit einem lauten Knall auf dem Boden aufschlug. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich eine Bewegung und sah, wie sich die blaue Vase, ein Geschenk meiner Tante aus Brasilien, gefährlich zur Seite neigte. "Oh, oh!" murmelte ich. Ich rollte mich zur Seite und streckte die Hände aus, um sie aufzufangen. Und zum ersten Mal an jenem Tag hatte ich Glück: Die Vase landete direkt in meinen Händen und blieb heile. Erleichtert atmete ich auf. Anschließend richtete ich mich auf und setzte mich auf meinen Stuhl. Zufrieden betrachtete ich die Vase. "Gutes Stück", sagte ich. "Häßlich ist sie ja, aber Tante Margret würde es mir nie verzeihen, wenn ich sie mir nicht mehr besäße. Und die schenkt mir immer so viel Geld zum Geburtstag!"
  Ich hörte ein Geräusch und sah auf. Da bemerkte ich ein kleines Insekt, daß durch das halb geöffnete Fenster hereingeflogen war. Ohne lange nachzudenken, warf ich nach dem Tier. Zu später bemerkte ich meinen Irrtum: Das Insekt war kaputt, aber die Vase auch. Sie überlebte den Härtetest nicht, als sie mit einer Geschwindigkeit von drei Metern pro Sekunde gegen die Wand knallte.
  Es war schade drum, machte mir aber nicht sonderlich viel aus. Tante Margret mußte ja nicht erfahren, daß ihre heißgeliebte Vase nicht mehr existierte. Ich sammelte die gröbsten Scherben mit der Hand zusammen und warf sie achtlos in den Mülleimer.
  In diesem Moment hörte von unten das Rufen meiner Mutter.
  "Ja?" rief ich zurück.
  "Gottfried!" rief sie. "Kannst du nicht mal eben runterkommen und mir helfen?"
  Nein, konnte ich nicht. Trotzdem überwand ich mich und ging gehorsam ins Wohnzimmer, wo ich meine Mutter bei einem Haufen Wäsche und einem Bügeleisen vorfand.
  "Was gibt’s?" fragte ich.
  Mutter deutete auf das Bügeleisen. "Guck dir das mal bitte an! Ich glaub’, da is’ was mitten Kabel los. Jedenfalls funktioniert dat Ding nich’."
  "Ich seh’s mir mal an", sagte ich und schleppte das "Glätte-Wunderding", wie es Opa nannte, hoch in mein Zimmer. Dort betrachtete ich das Kabel und hatte auch gleich den Fehler gefunden: Ziemlich weit unten befand sich ein fast faustdicker Knoten. Jeder Versuch, das Knäuel zu entknoten, scheiterte. Nach einer geschlagenen Viertelstunden gab ich auf. "Das Ding ist ja verzwickter als der Gordische Knoten!" meinte ich zu mir selbst. Plötzlich stockte ich. Gordischer Knoten? Das war doch das Ding, was...
  Natürlich! Das war die Lösung. Eilig lief ich hinunter in die Küche und griff mir das größte Messer, das ich finden konnte. Anschließend rannte ich wieder hoch und setzte mich an den Tisch. "Genial, aber einfach", sagte ich und hieb den Knoten in der Mitte durch. Eine Weile sah ich fasziniert zu, wie sich die Kabel entwirrten. Auf einmal wurde mir jedoch bewußt, was ich angerichtet hatte. Der Knoten war offen, aber das Kabel bestand nun aus zwei Teilen. Ich versuchte mir Flüssigkleber, Tesafilm und Sekundenkleber, die Teile wieder aneinanderzuheften, aber es gelang mir nicht. Schließlich wurde es mir zu dumm und ich griff zum Packband. Zwei, drei Schichten des zehn Zentimeter breiten Bandes und das Kabel hielt. Mutter hatte ja nicht gesagt, daß es noch funktionieren sollte. Nur heile sollte es sein.
  Unauffällig brachte ich das Bügeleisen wieder an seinen Platz zurück, Mutter war gerade zum Glück nicht anwesend.
  Als ich wieder hoch in mein Zimmer ging, dachte ich an Weihnachten und alles, was damit zusammenhing. Die anderen in meiner Klasse bekamen Geschenke, hatten einen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer und saßen gemütlich mit der Familie zusammen. Bei uns war das keinesfalls so. Wir hatten nichts von dem alledem. Mein Vater war vor sechs Jahren bei einem Autounfall gestorben, meine Mutter arbeitete halbtags als Aushilfe. Sie meinte immer, wir müßten sparen. Und dazu gehörte natürlich auch, daß wir den Weihnachtsbaum einsparten. Ich hatte mich zwar allmählich daran gewöhnt, aber trotzdem vermißte ich ihn. Es mußte doch irgendwie eine Möglichkeit geben, sich am Heiligabend noch einen Weihnachtsbaum zu beschaffen!
  Da fiel mein Blick aus dem Fenster und auf das Grundstück unserer Nachbarn. Wir hatten zu dem alten Ehepaar Strunz’ nie eine besonders freundschaftliche Beziehung gehabt. Einmal hatten sie die Äpfel eines Apfelbaumes, dessen Äste ein wenig von unserem zu ihrem Grundstück herüberhingen, abgepflückt, und ich hatte in jenem Herbst nicht einen einzigen Apfel gegessen.
  Im Moment blickte ich auf einen Baum, der auf ihrem Grundstück stand, schön und prachtvoll. Die Äste waren wohlgeschwungen, der Stamm gerade.
  Es war eine gesunde Tanne.
  Nun konnte ich mich endlich an ihnen rächen...

Eine halbe Stunde später stand ich mit der größten Säge, die ich bei uns hatte finden können, in Strunz’ Garten. Zuvor hatte ich mich überzeugt, daß sie nicht da waren. Ihr Auto stand nicht in der Garage, und Mutter hatte gesagt, daß sie die Weihnachtstage bei Verwandten verbrachten.
  Das würde eine hübsche Überraschung geben, wenn sie zurückkamen. Ich freute mich shcon innerlich auf ihre dummen Gesichter und mußte grinsen. Dann machte ich mich an die Arbeit. Es war gar nicht so einfach, den dicken Stamm möglichst weit unten abzusägen. Aber nach einer Weile knackste es bedenklich und der Baum kippte zur Seite - direkt in Frau Strunz’ Zierrosen, die sie immer so liebevoll pflegte. Na ja, jetzt hatte sie mehr Zeit für andere Dinge.
  Ich schleppte den Baum hinter mir her und ins Haus. Mutter staunte nicht schlecht, als sie mich und den Tannenbaum sah. "Wo hast du den denn her?" fragte sie mit großem Erstaunen.
  "Nicht so wichtig", sagte ich. "Viel wichtiger ist, daß wir jetzt überhaupt einen haben." Mutter gab nach und fragte nicht weiter nach.
  Vorsichtig zog ich den Baum ins Wohnzimmer, wobei ich eine Spur von Nadeln auf dem Teppich hinterließ. Mutter enthielt sich jeden Kommentars. Nachdem ich den Weihnachtsbaum hingestellt hatte, bemerkte ich, daß er nicht von alleine stehenblieb. Das war ein Problem. Ich löste es jedoch auf meine Weise (genial und einfach) mit einer Rolle Packband und einer Blumenvase. Jetzt fehlte nur noch der Weihnachtsschmuck. Leider besaßen wir keinen, denn, wie gesagt, wir mußten sparen. Doch wir waren kreative Leute und dachten uns selber etwas aus. Anstatt Lametta nahmen wir eine Rolle Klopapier, die Christbaumkugeln wurden durch Meisenknödel ersetzt und der Stern an der Spitze war aus Papier. Im Endeffekt sah er jedoch richtig schön aus - eben weihnachtlich.

Geschenke waren ein weiteres Problem. Wir wollten ja nun mal ein richtiges Weihnachtsfest feiern, da mußte es auch Geschenke geben. Nur hatte ich keine Ahnung, was ich meiner Mutter schenken konnte. Die anfängliche Panik war schnell niedergekämpft, als ich begriff, daß jeder Mensch in meiner Situation damit Probleme hätte. Also zog ich mir kurze Hose und T-Shirt an (denn es war draußen immer noch so warm) und ging aus dem Haus. Mein Weg führte mich in die Innenstadt. Es liefen nicht mehr viele Leute herum, nur um die letzten Besorgungen zu machen. Ich bummelte ein bißchen an den Schaufenstern herum, bis mir einfiel, daß ich gar kein Geld dabeihatte. Klar. Mutter hatte nicht genug Geld für Taschengeld, und auf Ferienjobs hatte ich keinen Bock. Also ging ich wieder nach Hause. Irgendwie mußte dann aber doch ein Zehnmarkschein in meine Finger geraten sein, ich weiß auch nicht mehr, wie das passiert war. Wahrscheinlich war meine Hand durch eine ungeschickte Bewegung in Mutters Portemonnaie geraten.
  Erneut in der Stadt, suchte ich mir ein schönes Geschenk für sie aus. Originell sollte es sein - und vor allen Dingen nicht teurer als zehn Mark. Der Parfümladen verließ ich mit einem Herzinfarkt, als ich einen kurzen Blick auf eines der Preisschilder geworfen hatte. Im Supermarkt fand ich dann endlich, was ich gesucht hatte. Es stach mir förmlich in die Augen, flüsterte mir zu: Kauf mich! Kauf mich! Und da hatte ich auch schon das Videospiel in der Hand. "The Return Of Rambo" lockte der Titel neben einem Coverbild, das nur aus Explosionen bestand. Aber ich konnte mich überwinden, da ich sowieso keine Spielekonsole besaß.
  Aber schließlich hatte ich ein Geschenk für Mutter gefunden: eine neue Haarbürste. Sie brauchte längst mal eine neue. Kostete 1,99. Das Restgeld hab ich behalten und bin nach Hause geschlendert. Hab’s dann noch originell eingepackt in eine Zeitung, die ich aus einem Mülleimer gefischt habe. Als ich dann zu Hause war, fand ich Mutter im Wohnzimmer vor. Sie hatte gerade eine Hardrock-Platte aufgelegt (Weihnachtsmusik besaßen wir nicht) und schmückte noch ein wenig den Tannenbaum.
  Sie freute sich riesig über das Geschenk, hatte auch eins für mich: eine Spielekonsole, ein wenig angeschlagen, aber noch intakt. Sie hatte das Ding auf dem Flohmarkt zu einem Spottpreis erstanden.
  Später sahen wir uns gemeinsam in unserem uralten Fernseher "Mörderische Weihnacht - der Killer-Weihnachtsmann" an. Später aßen wir Pizza und Spaghetti. Im großen und ganzen hatten wir also doch noch etwas aus diesem Tag gemacht.
  Wie der Tannenbaum umfiel, den Fernseher mitriß und die halbe Bude in Brand steckte, das ist eine andere Geschichte.
  Halleluja!

1996 © Christoph Eikmeier, eiki@bigfoot.de

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© Georg Conrad