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Auszug aus einem Tagebuch: Bevor ich hier ein wichtiges Ereignis niederschreibe, möchte ich vorher noch etwas verständliches über meine Person berichten: Mein Name ist Ferdinand Schöller, und ich studiere Philosophie. Die Philosophie, die mich gefangen hält, ist jene, wie sie Aristoteles einst in der Antike lebte. Besonders betrachte ich Träume und versuche sie in Verbindung zum Leben zu deuten. Sie scheinen mir mehr zu sein als nur einfache Träumerei. Es ist schwer zu sagen, was nun ein Traum ist und was nicht. Immer wieder erlebe ich es das ich denke: Das hast du doch schon mal erlebt? Oder hatte ich es nur geträumt? Es ist so wirklich, das man es oft nicht auseinanderhalten kann. Und gestern hatte ich einen Traum, der mich nicht in Ruhe läßt, und den ich auch nicht verstehe. Ich werde ihn hier genau aufschreiben, um über ihn mit Gelehrten zu diskutieren.
Gestern war es schwer für mich einzuschlafen, denn viele Gedanken schwirrten in meinem Kopf herum, die mich beschäftigten. Ich lag in meinem Bett und starrte mit offenen Augen in die mich umgebende Dunkelheit. Kaum ein Geräusch war zu bemerken, bis auf vielleicht einmal das Singen eines Nachtvogels. Ich spürte, wie mich meine Gedanken schläfrig machten. Doch ich konnte nicht einschlafen. Eine ganze Zeit lag ich so da, bis ich dann natürlich doch in einen Schlaf hineinglitt. Wie lange ich geschlafen hatte, wußte ich nicht, doch plötzlich wurde ich geweckt. Ein ohrenbetäubendes Geräusch ließ mich die Augen weit aufreißen. Im Dämmern nur nahm ich unwirklich die Umgebung wahr, doch das Geräusch war einfach nicht zu überhören. Ein Ton, wie ich ihn noch nie vernommen hatte, riß mich aus dem Schlaf. Ich setzte mich in meinem Bett auf und fühlte einen Stoff unter meinen Fingern, der mir fremdartig war. Viel weicher als sonst. Und immer noch dieses Geräusch, welches mich alles andere vergessen ließ. Ich drehte meinen Kopf und sah neben dem Bett auf einem kleinen Holztisch eine schwarze Kiste stehen, von der mich rote, seltsame Zeichen anglühten und mich erschrocken nach der schwarzen Kiste schlagen ließen. Mit meiner Hand berührte ich sie, worauf der gräßliche Ton sofort verstummte. Immer noch müde fuhr ich mir durch die Haare und wand mich von diesem unheimlichen Kasten ab. Ich schwang meine Beine aus dem Bett und machte mich daran aufzustehen. Meine Füße setzte ich auf einen weichen Untergrund, der meine Füße kitzelte. Ich ging auf ihm weiter durch das Zimmer und wand meinen Blick umher. Mich trifft jetzt noch der Schlag wenn ich daran denke, was ich gesehen hatte.
Ich wußte sofort, das ich mich nicht in dem Zimmer befand, in dem ich mich letzte Nacht zur Ruhe gelegt hatte. Alles war anders und fremdartig, mit Sachen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Ich bewegte mich auf einen riesigen Schrank zu, der an der Wand des Zimmers stand, als wäre das für mich das normalste der Welt. Plötzlich schrie ich vor Schmerzen auf, denn immer noch verschlafen war ich mit meinen nackten Füßen gegen das Holzbein des Bettes gestoßen. Ein Schmerz, der vom kleinen Zeh das ganze Bein herauf, durch mich fuhr. Wenn ich träumte, müßte ich wohl spätestens zu diesem Zeitpunkt aufwachen. Doch nichts geschah. Ich humpelte weiter auf den Schrank zu, öffnete ihn und nahm Kleidung hervor, wie ich sie nie in meinem Leben besessen hatte. Die Hosen waren aus glattem Stoff und exakt gearbeitet. Hemden so weiß, wie ich es noch nie gesehen hatte und Schuhe so glatt und sauber, wie es sie nie geben dürfte. Doch ich nahm dies alles an mich, kleidete mich ein, als hätte ich das nie anderes gemacht. Immer noch war es düster im Zimmer, welches ich durch eine Nebentür verließ. Das erste war der Geruch, der mir auffiel. Er war sauber aber trotzdem merkwürdig. Zitrone roch ich heraus. Ganz nebenbei. Dunkel war es hier auch. Sicher würde ich gleich eine Kerze entzünden, um etwas Licht in den Raum zu bringen. Meine Hand fuhr schon neben der Tür nach oben, ertastete an der Wand einen kleinen Vorsprung und drückte ihn herum. Plötzlich wurde ich von grellem Licht geblendet, welches mich zum wiederholten Male erstaunte und gleichzeitig erschreckte. Von allen Seiten gleichzeitig schienen mich Lichter anzustrahlen. Lichter, ein vielfaches heller als das Licht einer Fackel. Glatter Stein schmückte das gesamte Zimmer an Boden und Wänden. Seltsam, glänzende Gegenstände standen, mit dem Boden verbunden, im Raum verteilt. Ich näherte mich einem glänzenden Becken, welches aus der Wand zu wachsen schien. Darüber hing ein Spiegel, welcher mich erstaunen ließ, denn einen so sauber gearbeiteten hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Was dieser hier für einen unschätzbaren Wert haben mußte! Dann sah ich mir ins Gesicht. Ja, das war ich. So wie ich mich kannte. Noch etwas verschlafen, aber eindeutig ich. Ich beugte mich vor, streckte mir die Zunge heraus, die ein wenig belegt war und begann dann damit ein Stäbchen aus einem Becher zu nehmen, irgendeine Paste, die nach Minze roch, darauf zu schmieren und mir damit die Zähne zu putzen.
Zähne putzen? Ich mußte wieder staunen. Ich wusch mich und verließ dann diese Zimmer, um mich weiter in dieser Hütte fortzubewegen. Sie schien richtig groß zu sein, denn ich ging in einen weiteren Raum. Das war jetzt schon der dritte, in dem es ebenso merkwürdig aussah, wie in den anderen auch. Ich machte mir etwas zu Essen und zu trinken, wie ich es auch noch nie zuvor in meinem Leben getan hatte. Eine warme, braune Brühe trank ich, und aß dazu irgendein Brot, welches ich vorher in einen Kasten gesteckt hatte. Als ich mich wieder herumdrehte, war das Brot wieder draußen und warm. Ich verstand gar nichts mehr.
Schließlich verließ ich die Hütte und wunderte mich abermals, denn ich ging Treppen hinunter und hatte das Gefühl bald unter der Erde sein zu müssen, soweit war ich gegangen. Doch dann verließ ich das Gebäude durch eine Tür, die nur aus Glas zu bestehen schien und stand draußen auf einer grauen Straße. Vor mir ragten mehrere Häuser auf, die fast an den Himmel stoßen mußten, so hoch waren sie. So hoch konnte man doch keine Häuser bauen. Und die Luft roch überhaupt nicht frisch. Es roch alles so tot. Ein Geruch, als würde er aus der Hölle stammen. Ich ging ein Stück im Dämmerlicht des frühen Morgens das graue Band der Straße lang und erschrak erneut aufs heftigste. Ein Ungeheuer, nicht ganz so hoch wie ich, aber doppelt so breit, näherte sich mir mit aufgerissenen glühenden Augen. Ich hatte Angst, es würde jeden Moment sein Maul aufreißen und mich verschlingen, doch ich machte keine Anstalten mich zu verstecken, und das Ungeheuer war im nächsten Moment auch schon an mir vorbei, ohne nicht vorher ein lautes Schnauben zu hinterlassen. Dieses Geräusch wurde von dem Gestank begleitet, der schon die ganze Zeit in der Luft lag. Also mußte es mehrere dieser Ungeheuer hier in der Nähe geben. Ich ging die Straße noch ein Stück weiter und kam an einem Haus vorbei, welches mir den Blick zuerst versperrt hatte. Doch dann nicht mehr. Jetzt wußte ich auch, woher dieser Gestank kam. Eine Unzahl von Ungeheuern schlängelte sich nicht unweit von mir entfernt über das graue Band der Straße. Das eine folgte dem anderen. Mal in die eine Richtung, mal in die andere. Ich kümmerte mich mit keinem Blick darum, sondern näherte mich einem wohl noch schlafendem Ungeheuer. Friedlich lag es da und tat überhaupt nichts. Ich hatte aus meiner Tasche einen Metallstab genommen und fuhr damit an dem Ungeheuer entlang. Von nahem erst sah ich, das dieses Monster vollkommen mit Metall überzogen war. Plötzlich tat sich eine Luke am Bauch des Monsters auf, welchen ich betrat. Die Luke schloß, und es war still um mich herum. Der Geruch von Leder kitzelte meine Nase, und ich sah durch Glas die Straße vor uns liegen. Innerlich atmete ich auf, denn ich hatte schon gedacht, jetzt wäre alles aus. Im Innern des metallenen Ungeheuers gefangen. Ich nahm wieder diesen Metallstift und schien im nächsten Moment das Monstrum gekitzelt zu haben. Es wurde wach. Mit einem lauten Aufheulen und einem ruckendem Zucken zeigte es mir, das es jetzt nicht mehr schlief, und mich sicher im nächsten Moment verschlingen würden, obwohl ich ja schon verschlungen war. Doch plötzlich setzte sich das Ungeheuer in Bewegung. Durch das Glas sah ich wie es seine Augen aufgerissen hatte und die glühenden Strahlen auf die Straßen des dämmernden Morgens warf. Ich bewegte mich in diesem Ungetüm auf der Straße entlang und näherte mich den anderen. Dann reihte auch ich mich in die Schlange der Ungeheuer ein, um sie zu verfolgen und verfolgt zu werden. Eine groteske Situation, in der ich da steckte, und ich merkte auch, das ich dieses Ungeheuer beherrschen konnte. Es schien das zu machen, was ich wollte. Wenn ich etwas fester drückte, so wurde es schneller, und wenn ich es etwas trat, dann wurde es abrupt langsamer. Ich bemerkte noch ein wenig der Müdigkeit, die mich umfangen hielt, und jetzt dachte ich, das alles nur ein Traum sein mußte. Plötzlich entfernte ich mich aus der Reihe der Ungeheuer und bewegte mich auf einer weitere Straße, in der es immer noch nicht ganz hell war. Rechts und links standen schlafende Metallmonster und wieder diese großen Häuser. Plötzlich hörte ich ein lautes Grölen, von dem ich im nächsten Moment wußte, das es ein Ungeheuer ausgestoßen hatte. Ich riß meinen Kopf nach links und sah mit grellen Augen ein Ungeheuer angreifen. Es schien nicht die Anstalten zu machen mich zu übersehen, denn es griff von der Seite her an. Mit einem riesigen Krach bohrte es seine Schnauze in unsere Seite. Ein Ruck durchzuckte mich, und ich schlug mit dem Kopf irgendwo gegen. Dann wurde es dunkel um mich herum, und ich wußte nichts mehr.
Als ich aufwachte dämmerte es und ich lag schweißgebadet in meinem Bett. Dort, wo ich auch letzte Nacht eingeschlafen war. Also war es doch nur ein Traum gewesen, oder? Ich bin mir nicht so ganz sicher. Ich weiß noch zu wenig über Träume und ihre Bedeutung. Vielleicht kann mir mein Dozent darüber etwas mehr erzählen. Ich werde Thomas von Aquin einmal fragen.
Mai 1998 © Alexander Weisheit
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