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Tag der schwarzen Sonne

  Die Sonne hatte sich hinter einer lichten Wolkendecke versteckt, lugte nur hin und wieder von dort hervor und erwärmte die Luft. Der Wetterbericht hatte wechselnde Bewölkung vorausgesagt, und Regen war zum Glück nicht angekündigt worden. Die Straße war noch feucht vom Morgentau. Sie zog sich ein wenig bergauf an einer Wiese und einer Tankstelle vorbei, um hinter einer Biegung durch den Ort zu führen. Die Häuser waren hier selten mehrstöckig. Zweifamilienhäuser waren in dem kleinen Vorort öfters vertreten. Als wir gegen neun Uhr in der Früh das Hotel verließen, hatten wir noch gut 50 Kilometer vor uns. So hatten wir es gestern Abend besprochen. Wir, das waren vier Autos mit zehn Personen und einer Straßenkarte bestückt. Über mein Handy verständigten wir noch einen Freund, den wir in gut zwei Stunden treffen wollten. Im Kartenvergleich machten wir einen Treffpunkt über das mobile Telefon aus. Dann fuhren wir los. Wir folgten der steigenden Straße in den Ort und folgten der Beschilderung und der Landkarte. Wir ließen noch weitere Orte hinter uns und fuhren an Graslandschaften mit weidenden Kühen und Pferden vorbei. Noch zweimal hielten wir an, um nach dem Weg zu fragen, da wir weder aus der Karte noch den Schildern schlau wurden. Wir waren auf dem richtigen Weg. Nach gut einer halben Stunde lagen rechts und links Grasweiden, die der Straße aufwärts folgten. Als wir am höchsten Punkt des Weges ankamen, sahen wir zu beiden Seiten ins Tal hinab. Strohballen lagen in unregelmäßigen Abständen auf der weitreichenden Wiese. Das war der richtige Ort, dachte ich mir. Im gleichen Augenblick sah ich auch schon, wie Georg im vor uns fahrenden Wagen nach rechts blinkte und auf die Wiese fuhr. Noch mindestens fünf weitere Autos hatten auf beiden Straßenseiten geparkt. Ich sah aufgespannte Sonnenschirme und dreibeinige Stative, auf denen Kameraobjektive in den bewölkten Himmel starrten. Eine Frau und ein Mann spielten hinter einem Karavan-Van Federball. Gabi, meine Freundin, und ich fuhren links neben Michi und Georg’s roten Fiesta. Neben mir parkte mein Bruder Uwe, Marc und Michael, und daneben eine von Uwe’s Schul-Bekannten mit einer Freundin. Es war gegen 9:50 Uhr, die Sonne war wieder hinter den Wolken verschwunden und wir verließen die Wagen. Richard und Tina trafen eine halbe Stunde später ein. Inzwischen hatte ich meine komplette Fotoausrüstung hervorgeholt und war dabei das Stativ aufzustellen. "Hast Du ein weißes Blatt?" fragte Georg, als er das Teleobjektiv aus meiner Tasche nahm. "Was willst Du denn damit?" "Paß auf, damit können wir die Sonne auf das Papier projizieren." Er drehte das Objektiv herum und ließ die Sonne hindurch auf das weiße Papier scheinen. "Das gibt es doch gar nicht," sagte Uwe, der neben uns stand. Auf dem weißen Papier sahen wir die Sonne als kleinen, hellen Flecken, über den träge die Wolken vom Wind getrieben wurden. "So können wir sie auch beobachten," meinte Georg. Die Türen der Autos standen offen und das Radio spielte aktuelle Musik. Auf dem Grasboden hatten wir drei Decken ausgebreitet auf denen wir Platz nahmen. Georg schoß einige Fotos von uns. Cedric, Michi’s und Georg’s Sohn und mein Patenkind, versuchte erfolgreich verschiedene große Legosteinen aufeinanderzustecken, sie dann wieder auseinanderzunehmen, um sie sogleich erneut zusammenzustecken. Ich lud meinen Fotoapparat mit einem Film und bestückte ihn mit Teleobjektiv und Konverter. Schließlich schraubte ich ihn auf das Stativ und richtete ihn in den Himmel. Michi stellte ihre Videokamera auf und sah durch den Sucher und die Spezialfolie in die Sonne. Gabi hatte sich ebenfalls eine spezielle Brille aufgesetzt und sah in die Sonne. "Noch nichts zu sehen" sagte sie. "Hoffentlich hält sich das Wetter." Zwischendurch tranken wir noch Kaffee oder Wasser und aßen Kekse. Immer wieder schweiften unsere Blicke in den Himmel, um die Sonne zu beobachten, die ab und zu hinter den Wolken hervorlugte. Wind war aufgekommen und bog die langen Grashalme nieder. Ich hatte mir einen Pullover übergezogen, stand an mein Auto gelehnt und blätterte in dem Info-Blatt, welches ich aus dem Urlaub mitgebracht hatte. Hier standen in Tabellen Kameraeinstellungen mit verschiedenen Belichtungszeiten und Blenden. Ich versuchte mir sie genau einzuprägen, um nachher nicht unnötig Zeit damit zu verlieren erst noch nachlesen zu müssen. Außerdem sah ich schematische Darstellungen auf den Seiten abgebildet, die mir das Himmelsereignis näher brachten. Als ich mich hinter meinen Fotoapparat klemmte und die Sonne im Sucher einstellte, bemerkte ich die Windanfälligkeit des langen Objektives. So zog ich mich zwischen zwei Autos zurück, um keine verwackelten Fotos zu schießen. Dann gönnte ich mir noch einen Kaffee und vertiefte mich wieder in mein Prospekt. Im Hintergrund hörte ich Cedric auflachen, weil Georg mit ihm spielte. Richard schimpfte ein wenig auf sein Objektiv, weil er Schwierigkeiten damit hatte die Sonne im Sucher zu finden. "Da, der Sonne fehlt schon ein Stück!" rief Uwe plötzlich auf. Schnell griffen alle nach ihren Brillen und sahen gen Himmel. Schon schob sich die Wolke von der Sonne weg, und wir alle konnten es sehen. Ein Schatten schob sich von rechts oben langsam vor die Sonne. "Es geht los," sagte ich. Es war 11:10 Uhr, als ich das erste Foto von der sich nun langsam verdunkelnden Sonne schoß.

  Am Himmel vollzog sich ein Schauspiel, welches einige von uns sicherlich nur einmal in ihrem Leben zu sehen bekommen. Deshalb war die Aufregung groß und jedem anzumerken. Die Stimmung war schlagartig umgeschlagen, Faszination hatte sich ausgebreitet. Ob auf der Wiese liegend, sitzend, stehend oder ans Auto gelehnt -- ein jeder beobachtete das Naturschauspiel. Alles was ich eben noch über Belichtungszeiten und Blenden gelesen hatte, war plötzlich Nebensache geworden. "Wahnsinn," oder ähnliche bewundernde Worte vernahm ich um mich herum. In meinem Kopf schwirrten die Gedanken nur so. Wie lange hatte ich auf diesen Augenblick gewartet? Schon Monate vorher hatte ich mich mit der Sonnenfinsternis auseinander gesetzt, hatte Vorbereitungen getroffen, gelesen. Und nun war es soweit. Ich konnte es noch gar nicht richtig fassen. Über mir bot die Sonne den Anblick, als hätte ein Riese ein Stück aus ihr herausgebissen und war nun dabei sie langsam ganz zu verschlingen. Ich konnte mich einfach nicht gegen diesen Anblick erwehren. Leider schafften es die Wolken immer wieder mich aus den Gedanken zu reißen, indem sie ihre Schatten auf die Sonne warfen. "Wie lange wird es dauern, bis die Sonne verschwunden ist?" fragte Michael. "Ich schätze knapp 50 Minuten. Hoffen wir, daß wir es zu sehen bekommen." Georg deutet bei seinen Worten gen Himmel. Im Moment konnte man die Sonne nur erahnen, denn eine Wolkenfront hatte sich vor den Erdwärmer geschoben. In meinem Inneren hatte sich ein merkwürdiges Gefühl ausgebreitet. Es zu beschreiben fällt sehr schwer, ich bemerkte nur, daß sich mein Herzschlag beschleunigte. Etwas beunruhigte mich. Ich mußte an Erzählungen und Berichte denken, in denen die Sonnenfinsternis als Untergang der Welt beschrieben wurden. Früher wurden solche Prophezeiungen ernst genommen, doch heute lächelt man über sie. Warum aber hatte ich nur so ein ungutes Gefühl? Mein Blick zur Sonne zeigte mir den Schatten des Mondes, doch es sah aus, als würde die Sonne verschwinden und sich nicht nur ein Schatten über sie legen. Ich wußte, sie verschwand nicht wirklich. Und wenn doch...? Die Zeit verging im wechselnden Sonnen -- Wolken -- Spiel. Immer wieder war die Faszination groß, wenn die Sonne hinter den Wolken auftauchte, und ihr ein Stück mehr fehlte. Fotos wurden geschossen und Videoaufnahmen gedreht. Es war gegen 11:45 Uhr als der Mondschatten die Sonne geteilt hatte. Die Hälfte der Zeit war nun gut vorbei und jede weitere Minute würde schneller und schneller vergehen. Als der erste kühlere Wind aufzog und es den Anschein hatte, es wäre diesiger geworden, sah man die Sonne nur noch als Sichel am Himmel stehen. Der Blick über den Himmel zeigte uns ein nur spärlich unterbrochenes Wolkenband. Weiter hinten, von wo der Mondschatten angerast kommen würde, war es besonders dunkel. Es sah so aus, als hätten sich die Wolken voller Regen gesogen und warteten nur darauf es endlich entleeren zu können. Das Kribbeln in meinem Körper steigerte sich mit dem weiter vorrückenden Schatten des Mondes. Die Minuten bis zur Totalität konnte man schon an den Fingern einer Hand abzählen. Zusehends schmälerte sich die Sonnensichel und die Dunkelheit zog weiter vor. Die Rufe der Freunde vernahm ich nur nebenbei, denn auf einmal ging alles sehr schnell. Über uns hatte sich das Wolkenband aufgerissen und gab den Blick auf das Naturschauspiel frei. Die Brillen konnten wir abnehmen, denn das Licht der Sonne war zu gering, als daß es uns schaden könnte. Um uns herum wurde es Nacht. Der Wind fuhr kühl über das Gras und den Hügel, auf dem wir standen. Vögel zogen eilig ihre Bahn über unseren Köpfen, um in ihre Nester zu gelangen. Die Dunkelheit zog sich, von Nordwesten kommend, so schnell zu, daß man es mit bloßem Auge beobachten konnte. Wie ein Licht, welches langsam gelöscht wurde, so wurde es finster um uns. Am Himmel erkannte ich noch einen kleinen, hellen Lichtpunkt am Rande des Mondschattens, der noch versuchte seine Helligkeit vor dem großen Schatten auf die Erde zu werfen. Doch er verlor. Es war um 12:35 Uhr, als der Mondschatten sich vollständig vor die Sonne schob und damit die totale Sonnenfinsternis am 11. August 1999 einläutete. Von der Sonne war kein Zipfel mehr zu sehen. Es war dunkel und alle starrten gebannt zum Himmel empor. Die nächsten Sekunden dehnten sich zur halben Ewigkeit. Dann, wie mit einem Paukenschlag eingeläutet, strahlte ein heller Kranz aus Feuer um den Schatten des Mondes. Ein Aufschrei der Freude ging durch alle Beteiligten. Es wurde geklatscht und gejubelt. Man feierte den 'Tag der schwarzen Sonne'. Doch von einem auf den anderen Augenblick war alles anders.

  Die Dunkelheit lag immer noch über den Hügeln. Der Wind wehte kühl über meine Haut und am Himmel strahlte der Feuerkranz um die schwarze Sonne. Und doch war etwas anders. Die Autos und die Menschen um mich herum waren verschwunden. Ich war plötzlich allein und wußte nicht, wo ich mich befand. Etwas hatte sich verschoben, ausgelöst durch die Sonnenfinsternis. Ich hatte das Gefühl in eine andere Welt zu blicken und nicht ganz ich selbst zu sein. Obwohl ich mit beiden Beinen auf dem Boden stand und hören, sehen und fühlen konnte. Was war passiert? Das Feld ging vor mir etwas bergab und zog sich weiter bis zu einem Waldrand. Auch die Bäume hatten sich verändert. Von ihrer Größe her schienen sie um mindestens das doppelte gewachsen zu sein und der Waldrand zog sich, soweit mein Auge blicken konnte. Das alles war schon unheimlich. Was sollte ich jetzt machen? Mein Blick fuhr noch einmal zum Himmel empor, und ich fand die schwarze Sonne mit ihrem Strahlenkranz unverändert über mir. Wie lange dauerte so eine totale Sonnenfinsternis? Höchstens zweieinhalb Minuten. Diese Zeit war sicherlich schon überschritten. Doch es war nichts passiert. Ich konnte einfach keine klare Linie in meine Gedanken bringen. Vorerst mußte ich mich mit meiner jetzigen Situation abfinden und wollte das Beste daraus machen. Als ich wieder zum Waldrand blickte, bemerkte ich plötzlich einige, kleine Lichtpunkte zwischen den Bäumen hin und her und auf und ab schweben. Neugierde hatte mich gepackt, und ich entschied mich in Richtung des Waldes zu gehen. Was sollte ich auch sonst machen? Das Gras streifte meine Füße, als ich den Hügel hinab ging. Eine Distanz von gut hundert Metern mußte ich zurücklegen, um den Waldrand zu erreichen. Bei meinem Spaziergang beobachtete ich weiterhin die tanzenden Lichter und versuchte sie zu verfolgen. Sie schwirrten umher. Mal waren sie da und im nächsten Augenblick wieder verschwunden. Schließlich erreichte ich den Waldrand. Ich wunderte mich wieder einmal mehr, denn der Wald, der nun vor mir lag, schien eine Art Dschungel zu sein. Hauptsächlich tropische Bäume mit großen Blättern und breiten Stämmen erkannte ich. Und natürlich die tanzenden Lichtpunkte. Sie befanden sich nicht, wie ich zuerst vermutet hatte am Rande des Waldes, sondern ein Stück weiter innerhalb des Baumbestandes. Ich war fasziniert von diesen umherschwirrenden Lichtern. So betrat ich den Wald. Sofort erfaßte mich eine tropische Hitze, die mir den Schweiß aus allen Poren trieb. Ein Schauer rann über meinen Rücken und ließ mich trotz der Temperatur frösteln. Es war mir, als durchschreite ich eine unsichtbare Wand, die mich von der normalen Welt in eine für mich unvorstellbare brachte. Hatte ich ein Dimensionstor durchschritten? Oder spielten mir meine Gefühle und Gedanken einen Streich? Außerdem hatte ich mich ja schon vor dem Betreten des Waldes irgendwo anders befunden. Auf jeden Fall nicht mehr in der normalen Welt, wie ich sie kannte. Aber was war schon normal? Es war ein zu einfacher Gedanke meine Welt als normal zu bezeichnen. Meine ersten Schritte auf dem weichen, von Blättern und Moosen übersäten Untergrund, ließen mich das Gefühl haben zu schweben. Und vor mir die lockenden Lichter, denen ich mich nicht entziehen konnte. Ich folgte ihnen und bemerkte gar nicht, daß ich so immer weiter in den Wald schritt. Es war nämlich nicht so, daß sich die tanzenden Lichtpunkte an einer bestimmten Stelle befanden, sondern je mehr ich mich ihnen näherte, sie immer weiter zurückwichen. Wie lange ich ihnen gefolgt war, konnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich trug nie eine Uhr, und so konnte ich auch die Zeit nicht ablesen. Ob sie hier überhaupt funktioniert hätte? Ich nahm um mich herum aber etwas wahr. Der Wald wurde dichter. Die dicken Baumstämme rückten näher zusammen, als wollten sie sich auf einen Plausch treffen. Die Farne und Blumen in nie gekannten Farben und Formen verdichteten sich unter meinen Füßen. Mücken und anderes Getier summten und krochen um mich herum. Doch war es nicht lästig für mich. Es war alles so harmonisch. Einfach schön. Ich wollte dieses Gefühl nie mehr missen. Durch das dichte Blätterdach sah ich die schwarze Sonne nicht mehr. In ihrem Schatten durchquerte ich den Wald. Ich ging und ging, bis sich plötzlich etwas änderte. Wie Kerzen, die man ausblies, so verschwanden die tanzenden Lichtpunkte plötzlich aus der Luft. Einer nach dem anderen. So erfreut mein Herz eben noch war, diesen unirdischen Geschöpfen, denn als solche empfand ich sie, zu folgen, so traurig schmerzte es mir jetzt in meiner Brust. Ich blieb stehen und schaute mich um. Nicht ein Licht sah ich mehr. Es war noch dunkler um mich herum. Dann jedoch sah ich etwas ganz anderes. Zwei Bäume. Aber nicht irgendwelche, sondern zwei außergewöhnlich große und breite Bäume. Sie hatten das Ausmaß eines Hauses und ihr Blätterdach war dicht und hing fast bis auf zwei Meter über dem Boden. Blätterlose Äste ragten aus ihren Stämmen weiter unten am Boden. Die beiden Bäume standen keine zehn Meter auseinander und es sah so aus, als seien ihre Zweige miteinander verflochten. Wieder neugierig geworden ging ich Schritt für Schritt auf sie zu. Als ich noch gut zwei Schritt von einem der beiden Bäume entfernt war, kam plötzlich ein Windhauch auf und bewegte ihre Zweige. Erschrocken blieb ich stehen. Nein, es war kein Windhauch. Die Zweige bewegten sich tatsächlich. Jetzt verflochten sie wirklich ineinander und versperrten mir den weiteren Weg. Meinen Mund hatte ich weit aufgerissen und meine Augen zu einem erstaunten Ausdruck geöffnet. Die Äste hatten sich wirklich bewegt. Ich war sicher ich hatte nicht geträumt. Aber wo befand ich mich denn? War ich vielleicht in einem Traum gelandet, indem alles möglich war? Darauf wußte ich keine Antwort. Mein Unbehagen wuchs noch mehr, als ich plötzlich zwei Stimmen, wie aus einem Munde zu mir sprechen hörte: "Hier ist dein Weg zu Ende. Du darfst nicht weiter gehen, denn wir sind die Wächter des Feenwaldes, den kein Sterblicher je betreten darf." Ich sah mich erschrocken um. "Hallo? Wer ist da?" Von wo kamen diese Stimmen? Ich war einige Schritte zurückgewichen und bemerkte deshalb, daß sich die beiden Bäume vor mir bewegten. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Jetzt sah es doch tatsächlich so aus, als bilde die Rinde der Stämme ein Gesicht. "Wir sind die Wächter und dürfen dich nicht passieren lassen." Die zwei Bäume sprachen zu mir. Ihre knolligen Nasen aus Baumrinde hatten sich auf und ab bewegt, als ihre hölzernen Lippen zu mir sprachen. "Ich... ich wollte eigentlich... Die Lichter. Ich folgte den Lichtern. Dann verschwanden sie plötzlich und..." "Wenn das so ist," meldeten sich die zwei Stimmen wieder, "wenn das so ist, dann tritt ein." Und dann bewegten sich die Äste plötzlich wieder. Aus dem undurchdringlichen Knäuel aus Holz und Blättern entworr sich ein Durchgang, der sich vor mir auftat. Als ich wieder einen Blick auf die Bäume warf sahen sie wieder ganz normal aus. Kein Gesicht und keine Stimmen. Alles blieb ruhig. Vorsichtig setzte ich meine weiteren Schritte und konnte die beiden Bäume ungehindert passieren. So ganz wohl in meiner Haut war es mir die ganze Zeit über schon nicht gewesen, doch diese beiden riesigen Gewächse verstärkten diesen Eindruck noch um einiges. Ich konnte weitergehen und fand sogar einen schmalen Pfad, der sich vor meinen Füßen in den dichten Wald schlängelte. Jetzt vernahm ich auch wieder die Stimme des Waldes. Überall zirpte und zwitscherte es. Die Bäume mußten voll von Tieren sein, nur bekam ich keine zu sehen. Auch hier zog sich die subtropische Vegetation weiter fort. Ich entfernte mich immer weiter von den Wächtern, wie sich die Bäume genannt hatten, und drang tiefer in das Grün des Waldes ein. Die Dunkelheit hielt an, und die Schattenwelt der Bäume mich umfangen. Überall nahm ich aus den Augenwinkeln Bewegungen wahr, doch sobald ich meinen Kopf drehte, war dort nichts zu sehen. Nach einiger Zeit durchfuhr mein Herz wieder dieses wunderbare Gefühl, wie ich es schon erlebt hatte. Zur gleichen Zeit sah ich wieder die tanzenden Lichter vor mir im Wald. Und es waren mehr geworden! Augenblicklich beschleunigte ich meine Schritte, um endlich dieses Ziel, welches mir schon die ganze Zeit vor Augen tanzte, zu erreichen. Ich bemerkte auf jeden Fall, daß sich die Lichter nicht mehr von mir entfernten. Meine Aufregung vergrößerte sich, denn ich wußte, bald würde ich sie erreichen. Vielleicht dreißig oder fünfzig dieser Lichter schwebten vor mir durch die Bäume und deren Kronen. Je näher ich kam, desto deutlicher wurden auch die Geräusche, die ich jetzt bewußter wahrnahem. Ein tuscheln und lachen, ein kichern und singen. Und diese Geräusche waren so himmlisch schön, daß ich sie unbedingt sehen und hören wollte. Mit meinen Armen schob ich die Gräser und Farne beiseite, wich größeren aus und näherte mich so dem Zentrum, den tanzenden Lichtern. Plötzlich sah ich aus den Augenwinkeln einen hellen sich nähernden Schein. Sofort drehte ich meinen Kopf und sah endlich, was ich bis jetzt nur von der Ferne beobachten konnte. Vor meinen Augen schwebte ein kleines Wesen mit durchsichtigen Flügeln und sah mich mit ihrem zuckersüßen Lächeln an. "Sei willkommen," hauchte sie mir zu. "Wir haben dich schon erwartet. Nun komm." Wie ein Blitz zischte sie los und verschwand vor mir hinter einem Baum. Ohne lange zu zögern folgte ich und befand mich kurze Zeit später am Rande einer kleinen Lichtung. Bei meinem nächsten Schritt war ich auch schon umgeben von diesen wunderbaren Geschöpfen, welche mich wie Mücken umflogen, mir Küsse auf die Wangen hauchten und mich sanft weiter in die Mitte der Lichtung zogen. Und dort erwartete mich die nächste Überraschung.

  Um meinen ganzen Körper flogen diese kleinen Flügelwesen und ihr Windhauch kitzelte meine Haut. Im ersten Moment versperrten sie mir den Blick auf das Zentrum der Lichtung, denn immer wieder umflogen sie auch meinen Kopf, und ich versuchte jede von ihnen mit meinen Augen zu erfassen. Ein Lächeln hatte sich auf meine Lippen gelegt. Ich versuchte immer wieder meine Hände zu strecken und sie zu berühren, doch ihre geschickte Flugkunst versagte mir dies. Dann stand ich in der Mitte der Lichtung. Die kleinen Wesen zogen sich vor mir zurück, und ließen mich meine Aufmerksamkeit auf das sich vor mir befindliche Wesen richten. Eine menschengroße, durchscheinende, weibliche Gestalt hockte dort auf einem Baumstumpf und sah mich lächelnd an. "Sei willkommen im Feenwald, dem Herzen von Arcoris," sagte sie mit einer märchenhaften Stimme. Ich bekam keinen Ton heraus und starrte sie nur an, während die kleinen Wesen wispernd und kichernd um mich herumflogen. "Ich weiß," begann sie wieder, "du bist überrascht und weißt nicht, wie dir geschieht. Doch laß dir eines gesagt sein -- du bist nicht in Gefahr, sondern ganz im Gegenteil." "Wo... wo bin ich?" fragte ich, ohne daran zu denken, daß sie es mir ja eben gesagt hatte. "Du befindest dich auf Arcoris. Dem Land des Regenbogens. Hier ist der Feenwald, den kaum einer von euch Sterblichen betreten kann und darf." "Aber ich... warum ich?" "Du bist nicht von hier, und du wirst auch nicht hier bleiben. Das Schicksal hat dich nach hier verschlagen oder vielleicht besser gesagt, dein Glück." Sie lächelte wissend. "Mein Glück? Aber wieso...?" "Ich kann dir nicht sagen, wieso du hier bist, aber ich weiß, wo du dich befindest. Du bist in deiner Phantasie." Mein erstaunen nahm einfach kein Ende. "In meiner Phantasie?" "Ja, es ist etwas passiert, das dich hierher verschlagen hat. Du träumst nicht. Du bist wirklich hier. Und ich weiß auch, daß du nicht hierbleiben kannst, denn du gehörst nicht in diese Welt. Nicht körperlich." "Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. In meiner Phantasie...? Wo liegt Arcoris? Ich kenne es nicht." "Doch, du kennst es. Du weißt vielmehr über dieses Land und die Welt, als dir im Moment bewußt ist. Laß dir nur soviel gesagt sein: Du befindest dich in einer realen Welt, so wie deine Welt real für dich ist. Aber es ist nun mal nicht die einzige." "Und weshalb bin ich jetzt hier?" "Vielleicht weil du nicht ganz unschuldig daran bist, daß es uns gibt." "Moment, langsam. Ich komme da nicht mit. Eben war ich noch bei einer Sonnenfinsternis und nun, ganz plötzlich befinde ich mich hier, auf Arcoris, wie du es nennst. Hier ist alles anders, gibt es Bäume die sprechen können und wer weiß was noch alles..." Das Wesen vor mir lächelte wieder. "Ich bin auch nicht allwissend. Eure Sonnenfinsternis scheint der Auslöser gewesen zu sein. Es hat sich ein Tor aufgetan, und du bist hindurchgeschritten." "Ich bin nirgends durchgeschritten. Ich..." "In Gedanken, meine ich. Es ist vielmehr möglich, als du dir vorstellen kannst. Laß es dir gesagt sein. Hier nennt man mich eine Fee, und dies ist mein zu Hause." "Jetzt wird es langsam wie in einem Märchen," antwortete ich ihr, denn was sollte ich ihren Antworten sonst entnehmen? "Vielleicht bist du das auch. Du bist in einem Märchen deiner Phantasie." Ich mußte mit dem Kopf schütteln, denn es war alles so unwirklich. Doch dann kam mir der Gedanke, warum es nicht doch so sein konnte. Selbst wenn ich das alles nur träumte und es nicht wirklich war, so hatte ich doch ein Gefühl dabei. Und dieses Gefühl war sehr schön. Es ging mir gut. Und wenn es mir gut ging, warum sollte ich es dann nicht genießen? Warum sollte ich es nicht einfach hinnehmen? Nein, nicht hinnehmen, sondern einfach leben. Ein lächeln umspielte meine Lippen und die Stimme der Fee unterbrach meinen Gedankengang. "Siehst du. Es ist gar nicht so schwer," sagte sie, als könne sie meine Gedanken lesen. "Ich bin eine Fee, und du hast einen Wunsch frei. Doch bevor du dir etwas wünschst, denke genau darüber nach. Es wird in Erfüllung gehen." Waren es in Märchen nicht immer drei Wünsche? Doch das war im Moment egal, denn ich war ganz und gar dabei dieses wunderbare Gefühl auszukosten, welches ich schon die ganze Zeit gespürt hatte, seit ich diese tanzenden Lichter zum ersten Mal gesehen hatte. "Du wirst bald gehen," sagte die Fee dann zu mir. "Deine Zeit hier ist vorbei. Schätze es, daß du einen Blick in deine Phantasie werfen durftest! Das kann nicht jeder. Und bedenke dies bei der Wahl deines Wunsches." Die Stimmen und die Geräusche um mich herum wurden plötzlich leiser. Ich hatte meine Augen geschlossen, um zu genießen und wußte wieder nicht, wie mir geschah. Das Wispern und Kichern schien sich immer weiter von mir zu entfernen, doch das schöne Gefühl blieb. Ich wollte meine Augen öffnen, doch die Angst, daß dann alles aus und vorbei war, ließ sie geschlossen. Ich hatte einen Wunsch, durchfuhren mich die Gedanken an die Worte der Fee und ich mußte wieder lächeln. Der kalte Windhauch und das plötzliche Licht welches auf meine geschlossenen Augenlider fiel, ließen mich wissen, wo ich mich wieder befand: Ich war wieder da, und die schwarze Sonne vom Himmel verschwunden.

  "Wir müssen wieder die Sonnenbrillen nehmen," vernahm ich Georg‘s Stimme. Ich ließ die Augen geschlossen. "Echter Wahnsinn," sagte ein anderer. "Schade, es ist schon vorbei." Nein, es war nicht vorbei. Ich fühlte es noch. Das Gefühl war noch da -- auch als ich die Augen öffnete. Über mir zogen sich gerade wieder die Wolken vor die Sonne, die langsam vom Mondschatten freigegeben wurde. Um mich herum verlor sich die Dunkelheit, und das Tageslicht breitete sich so schnell wie es verschwunden war wieder aus. Cedric lachte ein Stück neben mir. Dann hörte ich meinen Namen. "He, bist du noch da?" fragte mich Gabi. "Ja," sagte ich und mußte mit meinem Lächeln wohl ziehmlich bescheuert ausgesehen haben. "Scheint dir ja ziehmlich gefallen zu haben," stellte sie fest. "Das hat es in der Tat." Ich nahm sie in den Arm und drückte sie. Dann küßte ich sie und das Gefühl hielt immer noch an. "Einmalig," sagte ich immer noch in Gedanken versunken. So langsam wurde die Welt um mich herum wieder klarer. Alle waren wieder da und saßen auf der Decke oder den Stühlen und sahen zum Himmel. Ab und zu konnte man die Sonne noch hinter den Wolken entdecken. Jetzt würde es wieder gut eine Stunde dauern, bis sich der Mondschatten völlig von ihr gelöst hatte. Einen Wunsch! Ich hatte einen Wunsch. Doch als ich so mit meinen Freunden dasaß, wir erzählten und lachten wurde mir bewußt, daß sich mein Wunsch bereits erfüllt hatte: Dieses Gefühl, welches ich mitgebracht hatte, war mir geblieben und es verstärkte sich mit jeder Minute, in der ich mit ihnen zusammen war. Arcoris, natürlich kannte ich diese Welt. Sie war in meiner Phantasie, und ich konnte sie leben lassen -- wir konnten sie leben lassen...

November 1999 © Alexander Weisheit

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